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Taktgefühl: Erahnen, was wann dran ist

Es ist schon wieder so: mein Leben ist voll. Zu voll. Voll mag ich ja, das gibt mir das Gefühl von Lebendigkeit, aber wenn zu viele Projekte auf meiner Lebensbühne tanzen, gilt es aufzupassen, dass ich das Taktgefühl nicht verliere und dass die Noten nicht aus den Linien fliegen. Die Musik lebt schließlich auch von der Pause.

 

Grundsätzlich ist Taktgefühl ja was Wunderbares: Es schenkt dem wirklich Wichtigen Aufmerksamkeit und gibt Herzensbegegnungen Raum und Zeit. So können Tiefe und ehrliche Nähe entstehen. Zuerst zu mir selbst und meinem eigenen Herzen. Und dann auch zu Gott und zu anderen Menschen.

 

Vor kurzem habe ich dann gemerkt, wie leicht dieses Taktgefühl verloren gehen kann. Ich saß in einem Gespräch und mein Gegenüber hörte auf zu sprechen. Ich weiß, dass solche Momente oft besonders kostbar sind. Das sind die Augenblicke, in denen Zusammenhänge erkannt und neue, eigene Erkenntnisse wachsen. Da ist Stille. Kein Rascheln. Kein Erklären. Keine Zwischenfragen. Die Blick richtet sich auf etwas, das ich nicht sehen kann. 

 

Normalerweise nehme ich so etwas wahr. Doch diesmal musste ich mich bremsen, damit ich nicht einfach rein quatsche und vorschnell antworte. Gerade noch rechtzeitig nahm ich mich zurück - und mein Wasserglas in die Hand. Es wurde mir wieder bewusst: jetzt ist jedes Wort eines zu viel. Es geht jetzt um das Wahrnehmen zwischen den Zeilen und den Mut nichts zu sagen. Schweigen ist Gold und schenkt Berührung. 

 

Und dann ist es geschehen: ein heiliger Moment entstand. Diese kleine Pause hat etwas verändert. Es entstand tiefe Klarheit - einfach, weil Raum da war.

 

Ich glaube, dass genau hier Taktgefühl beginnt. Man könnte ja meinen, dass Taktgefühl nur ein anderes Wort für Höflichkeit ist. Doch es ist viel mehr. Es geht darum zu erahnen, was wann dran ist. Was wann seine Zeit hat, wie die Bibel es ausdrückt. Diese Zeit kommt allerdings selten laut wie ein Gong oder aufdringlich wie eine Push-Nachricht. Sie zeigt sich leise. Es geht darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann es gut ist zu sprechen oder zu schweigen, zu handeln oder zu warten.

 

Es ist wie ein Tanz zum Rhythmus der Musik. Die Musik können wir manchmal wählen und manchmal auch nicht. Das Tempo auch nicht immer. Aber vielleicht gelingt es uns ja dann und wann, genauer hinzuhören und uns neu einzuschwingen bis wir wieder merken: es passt. Wir sind im Rhythmus - mit uns selbst, mit anderen und vielleicht auch mit Gott.

 

Und klar: manchmal bedeutet das schon auch, ein paar Noten aus den Zeilen zu werfen oder Projekte erst später auf die Lebensbühne zu holen. Vielleicht passen sie später viel besser ins Stück.